Wir stehen Gassi

In meiner Brust schlagen zwei Herzen, einmal als Mensch, einmal als Hundebesitzerin. Aufgefallen ist mir das erst heute Morgen wieder. Während mir als Mensch das Neidgefühl vollkommen fremd ist, kommt es bei der Hundebesitzerin ab und an mal zum Vorschein. Meistens trifft es mich ganz unvermittelt.  So, wie schon erwähnt, heute Morgen. Da lief ein Pärchen mit einem Schäferhund an mir vorbei. Der Hund flott vorneweg, ganz lässig ohne Leine, das Paar stramm hinterher. Und was machte ich währenddessen? Ich „stand Gassi“.

“Gassi stehen” – Was soll das denn sein?

Was, Sie wissen nicht was „Gassi stehen“ ist? Dann leihe ich ihnen mal meine Hunde. Die gehen nicht, sie stehen. Gut, manchmal laufen sie auch. Vermutlich waren sie dabei die Vorlage für die Zeitlupe. Sie sind beim Gassi stehen natürlich beschäftigt. Sie machen das, was Hunde angeblich beim Spaziergang machen, sie lesen dabei Zeitung. Zeitung lesen bedeutet, sie nehmen geruchlich wahr, was ihre Artgenossen an Duftmarken hinterlassen haben. Bei uns muss das eine ganze Menge sein. Also keine Zeitung, sondern einen Wälzer a la Tolstois Krieg und Frieden – läppische 2284 Seiten dick – da braucht man eben seine Zeit. Aber ich will ja nicht ungerecht sein. Man gewöhnt sich im Laufe der Jahre daran, passt sich seinen Tieren an. Auf einmal ist einem nichts mehr peinlich, wenn selbst ein dreibeiniger Dackel rückwärtslaufend schneller ist als meine 75 Zentimeter hohen Hunde. Mit ihren fünfmal so langen Beinen könnten sie ihn locker abhängen, wenn sie wollten, so rein theoretisch. Aber sie wollen einfach nicht. Na ja, man fängt an sich mit der Situation zu arrangieren.

Darf ich vorstellen? Meine Zeitlupen-Hunde!

 Als Zeitlupen-Hundebesitzer weiß ich inzwischen, dass mir Frühjahr und Herbst die liebsten Jahreszeiten sind. Denn im Sommer droht beim langen Standpausen Sonnenstich und im Winter hatte ich schon mehr wie einmal eine Art Gefrierbrand an den Fingern. Inzwischen trage ich im Sommer Hut und im Winter dicke Thermohandschuhe. Besserwissende Hundehalter – und von denen gibt es unendlich viele, meinen lapidar, lass sie doch von der Leine. Ja, das könnte ich und habe ich auch schon öfter gemacht. Ich bin doch nicht doof.  Aber mal ehrlich, wer schleppt schon gerne ein Fernglas mit, um das geliebte Tier weit hinten in der Botanik als seinen Hund identifizieren zu können? Ich nicht!

Tief in die Trickkiste greifen

Nun ja, ich bin etwas ungerecht, ganz so schlimm ist es nicht. Manchmal setzen sie sich auch flott in Bewegung. Ich habe da ein paar Tricks auf Lager. Leckerli hochhalten, damit wedeln und zügig vorneweg laufen. Das funktioniert meistens, jedenfalls für ein kleines Stück. Denn meine Hunde sind schlau, sie lassen sich nicht überfordern. Ist ja schließlich ihr Gassigang und nicht meiner. Da habe ich mich zu fügen.

Apropos, habe ich erwähnt, dass ich als Hundehalter auch sowas, wie Schadenfreude kenne? Immer wenn Modell Schlittenhund an mir vorbeifliegt, mag ich meine gemütlichen Hunde umso mehr. Während mich die Zugluft des Frauchen-Hund-Gespann streift, atme ich ganz entspannt tief durch. Ein bisschen fühle ich mich wie beim Meditieren. Das Auf-Durchzug-Frauchen scheint dagegen genau wie ihr Vierbeiner auf Speed zu sein. Schnell sind sie, richtig schnell sogar, doch von Glückseligkeit keine Spur. Eher verbissen und abgehetzt kommt das Gespann daher. Nichts für mich, da stehe ich doch lieber täglich Gassi.

Ihre Swenja Knüttel

Bildquelle: canva

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