Echte Helden: Frankenthaler Rettungshunde im Hochwassergebiet

Der 14. Juli 2021 war für Gisela Böhmer ein ganz normaler Tag, ihre Arbeit als Journalistin lief ihr gut von der Hand und das Wetter war Gott sei dank nicht mehr so schwül wie in den Tagen davor. Dass für den Nachmittag heftige Gewitter gemeldet waren, hatte die Frankenthalerin im Blick, war aber auch nicht weiter besorgt darüber. Stunden später war es mit der Ruhe für die stellvertretende Landesbeauftragte des Rettungshundewesens Rheinland-Pfalz vorbei: „Um 9 Uhr am Donnerstagmorgen kam der Anruf. Einsatz im Hochwassergebiet im Norden des Landes. Wir, die Rettungshundestaffel der Feuerwehr Frankenthal und Kollegen aus Zweibrücken, machten  auf den Weg nach Schuld.“

Die drei Hundeführer aus Frankenthal hatten sich schon auf einiges gefasst gemacht, doch was sie vor Ort erwartete, schockte die routinierten Retter enorm. „Es sah aus wie im Krieg. Straßen endeten im Nichts, überall Trümmer, zerstörte Häuser, kaputte Brücken und weggeschwemmte Fahrzeuge. Es war einfach nur schrecklich“, sagt Gisela Böhmer, die mit ihrem Rüden Thorkild den Weg in das Katastrophengebiet angetreten war. Für den jungen Viszla seine erste Annäherung an seine spätere Ausbildung zum Rettungshund.

Schwierigster Einsatz bisher

Ein Geruch von Benzin, Öl und Kloake hing in der Luft, machte das Atmen schwer. Dazu  kein Telefon, kein Strom und zwischendrin überall unglaublich verzweifelte Menschen – all diese Eindrücke stürzten auf die Feuerwehrleute herein. Die erfahrene Retterin ist seit 17 Jahren aktiv in der Hundestaffel und bei über 300 Einsätzen dabei, aber dieser Dienst im Hochwassergebiet zählt zu den schwierigsten in ihrer Laufbahn.

„Das fing schon mit der Koordination vor Ort an. Ohne Telefonnetz funktioniert keine Kommunikation zu den anderen Helfern in den umliegenden Dörfern oder Städte. Unsere Leute fuhren deshalb im Schneckentempo über zerstörte Straßen von Einsatzort zu Einsatzort, um die Lage zu checken und die Kommunikation untereinander aufrecht zu erhalten“, erinnert sich die Frankenthalerin. Voraussetzungen wie damals im wilden Westen. Doch irgendwie gelang es den Teams eine Rettungskette aufzubauen. Mit ihrem Ortungsgerät und den Hunden suchten die Fachkräfte aus Frankenthal nach Vermissten oder gingen in Häuser, um direkt Hilfe zu leisten.

Dramatische Bilder im Hochwasser Gebiet. Foto: Gisela Böhmer

Dramatische Eindrücke

 „Wir werden jahrelang auf solche Einsätze vorbereitet und wissen, was zu tun ist. In einigen Häusern lagen noch Menschen in den Betten, einer mit einem vollen Katheder, ein paar Häuser weiter, ein Diabetiker. Wir haben für seine Betreuung gesorgt und den Rettungsdienst organisiert“, so Böhmer über die dramatischen Eindrücke. Und dann war da noch dieser Mann, der mit einer Katze auf dem Arm sein völlig zerstörtes Haus  nicht verlassen wollte. „Er hatte keine Box für seine Katze und meinte, ich habe alles verloren, jetzt will ich nicht noch meine Katze verlieren. Wir haben sein Tier in den Hundeboxen in unserem Einsatzfahrzeug untergebracht und ihm später einen Transportbehälter für die Katze organisiert. Dafür war der Mann so dankbar“, sagt Gisela Böhmer bewegt.

Große Dankbarkeit

Berührt war sie auch von der Dankbarkeit, die ihr in den Ortschaften Schuld und Insul entgegenschlug. „Die Menschen hatten nichts mehr, aber kamen mit ihrer letzten Flasche Wasser zu uns, und wollten sie uns schenken. So etwas habe ich noch nie erlebt“, betont die Frankenthalerin. Fast 36 Stunden dauerte der Einsatz, der die  routinierte Hundeführerin an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit brachte: „Wir waren fast 24 Stunden durchgehend unterwegs. Die Hunde waren in unserem Fahrzeug in ihren Boxen untergebracht und wurden bei Bedarf inmitten der Trümmer eingesetzt, um nach Vermissten zu suchen. Für die Hunde sind diese Boxen der Rückzugsort. Dort ruhen sie sich aus, und sammeln Kraft für weitere Suchaktionen“, berichtet die Helferin. Auch für die Versorgung der Tiere war bestens gesorgt.

Bilder der Verwüstung

„Wir haben bei so großen Einsätzen immer alles dabei, um auch in Krisengebieten autark zu sein. Futter und Wasser für die Hunde, Essen und Getränke für uns“, sagt die engagierte Frau.  Zudem hatten die Feuerwehrleute Schlafsäcke und Isomatten für die Nacht dabei. „So konnten wir in unmittelbarer Nähe der Hunde übernachten. Denn in den Sammelunterkünften für die Rettungskräfte war kein Platz für die Tiere“, erzählt die junge Frau.

Sie und ihr Team sind froh, dass sie vor Ort helfen und somit erste Not etwas abmildern konnten. Ganz stolz ist Gisela Böhmer auf ihren Thorkild, der sich hervorragend verhalten hat. „Thorkild soll natürlich zum Rettungshund ausgebildet werden. Dass er Talent dafür hat, hat er jetzt ja bewiesen“, freut sich die Frankenthalerin. Neben dieser Freude sind es jedoch vor allem die Bilder der Verwüstung, die Gisela Böhmer seit dem Einsatz Nacht für Nacht hochschrecken lassen. „So was vergisst man nicht so schnell. Aber diese Menschlichkeit und diese Dankbarkeit der Betroffenen, die werden mich lange begleiten. Das wiederum war eine unbeschreiblich schöne Erfahrung, auf die ich nicht verzichten wollte“, betont Gisela Böhmer.

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